Kultur macht Europa - 4. Kulturpolitischer Bundeskongress
!--TYPO3SEARCH_begin--
03.09.2008

Im Gespräch: Lale Akgün

Frau Akgün, was halten Sie von dem Vorschlag, Günther Wallraff im Kölner Dom und in Anwesenheit von Kardinal Meisner wahlweise aus Salman Rushdies „Satanischen Versen“ oder aus der „Kriminalgeschichte der Christenheit“ von Karl-Heinz Deschner vorlesen zu lassen?

Lale Akgün (lacht): Der ursprüngliche Vorschlag Wallraffs sieht ja vor, Salman Rushdie in einer Moschee zu lesen. Wenn es denn dem Zusammenleben hilft, kann er lesen, was und wo er möchte. Das würde wohl auch die Mehrheit der Muslime sagen. Die wenigen Religiös-radikalen wären da anderer Meinung, aber sie stehen für einen politischen Islam, der ganz andere Ziele verfolgt. Kardinal Meisner wäre von einer solchen Lesung wahrscheinlich auch nicht begeistert.

In der Öffentlichkeit wird die muslimische Mehrheit eher selten zur Kenntnis genommen.

Die meisten der hier lebenden 3 ½ Millionen Muslime sind dem Islam gegenüber ebenso gelassen bis gleichgültig wie die meisten Christen im Lande ihrer Religion gegenüber. Die Gesellschaft heute ist plural, insgesamt verliert die Religion immer mehr an Einfluss. Wenn Sie Menschen fragen, wie sie sich definieren, wird nur ein kleiner Teil als erste Eigenschaft seiner Persönlichkeit die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft angeben. Die meisten Leute werden erst einmal sagen, ich bin Mutter, Kauffrau, Kölnerin oder Deutsche.

Trotzdem ist Religion ein Thema, mindestens in den Medien. Und hier macht vor allem die von Ihnen angesprochene Minderheit der Muslime Schlagzeilen.

Für die Medien ist Religion eben vor allem in diesem Ausschnitt interessant, von den normalen Leuten gibt es in der Regel wenig zu berichten. Bei den Anhängern eines politischen Islam machen mir allerdings vor allem islamische Organisationen Sorgen, die jetzt auch versuchen, in Europa Fuß zu fassen.

Welche Organisation meinen Sie?

Da gibt es viele, beispielsweise Milli Görüs, die Bewegung von Fethullah Gülen, Süleymancilar, aber auch andere...

Wie und wo agieren sie in Europa?

Überall, auch in Deutschland natürlich. Sie sind aktiv inder Jugend-, Eltern- und Bildungsarbeit: Sie bieten Jugendcamps, Schulen, Internate und Hausaufgabenhilfe an.

Das erinnert an Dinge, die auch fundamentalistischen christlichen Gruppierungen nachgesagt werden – eine unübersichtliche Grauzone, geheimnisvoll, exotisch.

Der Islam gilt in Europa insgesamt immer noch als eine exotische, geheimnisvolle Religion. Da ist es zu der Einstufung „gefährlich“ nicht weit. Das gilt nicht erst seit dem 11. September, schon früher hat man immer wieder an den sogenannten Türkensturm auf Wien im 17. Jahrhundert erinnert. Da wird gesagt, wir haben schon einmal der islamischen Gefahr Stand gehalten und werden es jetzt wieder tun. Diese Vorstellung vom wehrhaften christlichen Europa, das sich gegen muslimische Eindringlinge wehrt, wird immer noch permanent benutzt.

Meinen Sie wirklich, dass sich dieses Bild so tief in das europäische Gedächtnis eingegraben hat?

Die entscheidende Frage ist doch, wer dieses Bild im kulturellen Gedächtnis wach hält und eine solch angebliche Bedrohung konstruiert. Nicht von ungefähr greifen aktuell rechtspopulistische und neofaschistische Gruppen wie Pro Köln/Pro NRW dieses alte Bild auf, um tiefsitzende Ängste zu schüren - der Islam vor den Toren Europas, dann wird das Christentum überrannt und Europa islamisiert.

Angst vor Fremden

Mit der Angst vor dem Fremden muss man überall in Europa in der Integrationsdebatte umgehen. Seit 2007 ist Deutschland auch offiziell ein Einwanderungsland. Was heißt das für das Thema Integration?

Ich glaube, kaum ein Begriff wird so defizitär erklärt und so falsch angewandt wie dieses Wort. Ähnliches gilt für das Gerede um die „Parallelgesellschaft“. Unsere Gesellschaft gliedert sich immer mehr in Subkulturen, Communities und Milieus auf. Aus meiner Sicht sind deshalb die Zeiten vorbei, in denen man Integration vor allem als Übernahme kultureller Werte definieren wollte. Wir müssen uns um ein anderes Verständnis von „Integration“ bemühen. Ich sehe das etwas amerikanischer. Migranten sollten sich vor allem die Frage stellen „Wie schaffe ich es, in dieser Gesellschaft erfolgreich zu sein?“. Die Mehrheitsgesellschaft sollte vor allem Chancengleichheit herstellen und praktizieren. Erfolg sollte unabhängig von der sozialen Herkunft möglich sein.

Reicht das für eine integratie Gesellschaft?

Bei Migranten geht es doch um ihre Vorstellung vom Erfolgreichsein oder anders ausgedrückt, vom besseren Leben. Dem einen reicht es, wenn er eine Imbiss-Stube hat, seine Steuern zahlt, nicht gegen die Gesetze verstößt, seine Kinder in die Schule schickt und ansonsten nicht auffällt. Das ist Integration. Wer bin ich, von ihm größere Ambitionen zu erwarten oder zu verlangen? Wenn er mehr will, wird sich zeigen, was die Gesellschaft ihm möglich macht.

Theoretisch stehen ihm hier viele Möglichkeiten offen.

Für mich ist eine wichtige Frage: weshalb akzeptiert die Mehrheitsgesellschaft die sogenannte Pluralisierung der Lebensstile nur bei der deutschstämmigen Bevölkerung? Da verlangt niemand, dass alle sonntags in die Kirche gehen, alle am Karneval teilnehmen oder am schwulen Leben in Köln. Ich muss nicht in die Oper oder ins Museum laufen. Wenn von den Zugewanderten die Rede ist, scheinen viele die diffuse Vorstellung zu haben, sie müssten überall dabei sein. Dagegen muss sich doch langsam die Erkenntnis durchsetzen, dass diese Gesellschaft nie mehr wieder homogen sein wird, wenn sie das denn jemals war.

Chancengleichheit

Chancengleichheit herstellen ist ein großes Ziel. Nehmen wir das Bildungswesen. Spätestens seit PISA weiß man, dass deutsche Schulen eher auf Exklusion denn auf Inklusion angelegt sind.

Wir als Gesellschaft hängen oft noch überkommenen Bildern nach. Die Schulbücher spiegeln häufig eine Welt wider, die nicht der Wirklichkeit entspricht. In einer Stadt wie Köln hat jedes zweite Kind einen Migrationshintergrund, das kommt da nicht vor. Wenn eine Grundschullehrerin immer noch von ihren Erfolgen bei „den“ Türkenkindern redet, muss man das ansprechen. In multikulturellen Kindergärten müssen Kinder oft die Flaggen ihrer Herkunftsstaaten malen, aber das sind nicht ihre, sondern die ihrer Großeltern. Und diese Sommerfeste, wo Eltern immer noch ihre heimischen Spezialitäten auftischen sollen, obwohl sie längst in zweiter oder dritter Generation hier leben.

Man kann auch italienisch oder chinesisch kochen, ohne Italiener oder Chinese zu sein.

Das ist richtig. Aber im Integrationsdiskurs laufen wir Gefahr, immer noch in den Dimensionen der sechziger Jahre zu denken. Seitdem hat sich die Gesellschaft verändert, wir müssen wegkommen von diesem folkloristischen Schubladendenken. Kultur ist viel dynamischer als viele denken. Wir müssen diese Segregation in der Wahrnehmung bekämpfen und viel mehr das Entstehen von etwas Neuem unterstützen.

Welche Rolle können Kunst und Kultur dabei spielen?

Zuwanderer gehören eher nicht zu den Nutzern der öffentlichen Kulturangebote. Weil sie aber Steuern zahlen, sind auch ihre kulturellen Belange Ernst zu nehmen. Die öffentlichen Kultureinrichtungen müssten ihre interkulturellen Angebote beträchtlich erhöhen. In Köln soll jetzt ein „Haus der Kulturen“ nach Berliner Vorbild eingerichtet werden – das begrüße ich.

Zuwanderung ist nicht nur ein deutsches, sondern auch ein europäisches Problem.

In der Tat. Migrationspolitik sollte nicht in nationalstaatlichen Rastern betrieben werden, auch wenn die einzelnen Mitgliedsstaaten in Frage wie der Quotierung von Zuwanderern das letzte Wort haben müssen. Ich begrüße Initiativen wie die Bluecard der EU-Kommission und halte wenig von den aktuellen Beschränkungen der Arbeitnehmerfreizügigkeit. Außerdem kann man nicht oft genug wiederholen: schon wegen des demografischen Faktors brauchen wir Zuwanderung. Unsere Gesellschaften werden älter und der Arbeitskräftebedarf wird schon beim nächsten Aufschwung wieder steigen.

Die Lage ist doch komplizierter. Ausländerfeindliche Tendenzen gibt es überall in Europa.

Auch Europa ist keine Insel der Seeligen, wir müssen vor solchen Tendenzen immer auf der Hut sein. Es gilt, die Demokratie in Europa zu vertiefen und unsere demokratischen Werte ernst zu nehmen, ebenso wie die Werte der Aufklärung. Aber es wird noch dauern, bis die kleinlichen Nationalismen überwunden sind. Nur so kann Europa als Soft power ein Vorbild für die ganze Welt werden.

Die Fragen stellte Wolfgang Hippe.

Lale Akgün (SPD) ist seit Oktober 2002 Mitglied des Deutschen Bundestages. Seit Dezember 2005 ist stellvertretende Sprecherin der Fraktionsarbeitsgruppe „Angelegenheiten der Europäischen Union“, seit März 2006 Sprecherin der Arbeitsgruppe „Migration und Integration“. Seit Oktober 2007 gehört sie auch dem Vorstand der SPD-Bundestagsfraktion an. Ihre Website finden Sie hier 


!--TYPO3SEARCH_end--
!--TYPO3SEARCH_begin-- !--TYPO3SEARCH_end--
!--TYPO3SEARCH_begin--!--TYPO3SEARCH_end--
!--TYPO3SEARCH_begin--
18.12.2008

Visionär – kreativ – innovativ

Kreativität und Innovation stehen im Mittelpunkt der EU-Kampagne für das Jahr 2009. Kreative und innovative Ansätze sollen in verschiedenen Bereichen menschlichen Handelns gefördert werden. weiterlesen[Internal]


 

06.12.2008

Gibt es so etwas wie Roma-Kunst?

Die gesellschaftliche Diskriminierung der Roma spiegelt sich auch in vielen Kunstwerken, die „Zigeuner“ darstellen. Tímea Junghaus, Biennale-Kuratorin in Venedig, fragt nach der Kunst der Roma selbst. weiterlesen[Internal]


 

01.12.2008

Europa für Bürgerinnen und Bürger

Die Kulturpolitische Gesellschaft betreibt eine neue Nationale Kontaktstelle der EU. Christine Wingert-Beckmann ist die neue Leiterin. weiterlesen[Internal]


 

30.11.2008

Europas Beste

Unter dem Namen Europe's Finest startet der erste europaweite Cinema-on-Demand-Service für europäische Kinos. weiterlesen[Internal]


 

20.11.2008

Am Ende neue Perspektiven

Auf der Konferenz „Neue Perspektiven für den Interkulturellen Dialog in Europa“ bilanzierte die EU-Kommission das Europäische Jahr des Interkulturellen Dialogs. weiterlesen[Internal]


 

1 bis 5 von 201

1

2

3

4

5

6

7

vor >

!--TYPO3SEARCH_end--