Im Gespräch: Hans Joachim Kujath
Herr Professor Kujath, was hat Polizeiarbeit mit Wissensökonomie zu tun ?
Hans Joachim Kujath: Sehr viel. Die Kriminalität hat sich wie die Gesellschaft verändert und verwendet heute selbstverständlich Computer oder kommuniziert über das Internet – beides sind auch Instrumente der Wissensökonomie. Die sich über die elektronischen Medien abspielende Wirtschafts- und Finanzkriminalität sind in vielen Fällen nur dann wirksam zu bekämpfen, wenn die Polizei über entsprechende neue Qualifikationen verfügt, wie sie von Wissensarbeitern verlangt werden. Dabei ist der persönliche virtuelle Raum längst von Kriminellen bedroht und damit zugleich auch ein Ort der Kriminalitätsbekämpfung. Eine andere Frage in diesem Zusammenhang ist, wie in dem komplizierter gewordenen Alltag die virtuelle Privatsphäre zu schützen ist.
Wenn die Instrumente der Wissensökonomie heute selbstverständlich sind, wer treibt die Entwicklung zur Wissensgesellschaft voran? Die real existierende Wirtschaft?
Die Wirtschaft lebt von Innovationen, in der Wissensökonomie ergeben sich dabei allerdings besondere Herausforderungen: Wissen ist als wirtschaftliches Gut nur für eine gewisse Zeit exklusiv nutzbar, denn wenn es auf dem Markt ist, ist es öffentlich und kann nachgeahmt oder kopiert werden. Unternehmen müssen deshalb ständig innovativ sein, um sich auf den Märkten behaupten zu können. Sie werden versuchen, so viel an Wissen wie möglich zu monopolisieren und ihre Güter durch Copyright und Patente zu schützen. Andererseits sind sie zugleich gezwungen, sich Neuerungen zu öffnen und dabei ihr Wissen mit anderen zu teilen. Wissensgüter kann man kaufen, nicht aber Innovationen. Sie entstehen, indem man Wissen teilt, d.h. miteinander kommuniziert.
Das heißt ?
In der Wissensökonomie sind die Menschen das entscheidende Kapital. Ihr Wissen, ihre Qualifikationen sind zentral für die Wissensproduktion und für Innovationen, ebenso die Fähigkeit der Unternehmen, ihre Mitarbeiter zu stimulieren, die Ideen anderer Mitarbeiter oder auch externer Akteure aufzugreifen und sie mit den eigenen zu verknüpfen. Wenn es gelingt, Wissen, auch aus unterschiedlichen Bereichen, zu kombinieren, kann dabei sehr Innovatives entstehen. Es ist Resultat eines kognitiven und sozialen Annäherungsprozesses, der die Zusammenführung unterschiedlichen Wissens ermöglicht. Schließlich ist Wissen nicht nur ein privates wirtschaftliches, sondern auch ein öffentliches Gut. Jeder trägt Wissensbestände mit sich herum, die er mit anderen zum gegenseitigen Vorteil teilen und nutzen kann.
Vor der Wissensgesellschaft war viel von der Informationsgesellschaft die Rede.
Lange glaubte man, unsere Gesellschaft sei treffend mit dem Informationsbegriff umschrieben und man brauche nur die entsprechenden Infrastrukturen der Informationsgesellschaft bereitstellen. Informationsaustausch ist ein wesentlicher Teil von Wissensgesellschaft, aus Informationen muss aber erst Wissen werden, erst dann ist man handlungsmächtig. Das Verarbeiten von Information ist kein individueller Akt, es setzt Kommunikation voraus - persönliche, bei der über das interpersonale Agieren eine Routine des Miteinanders, des gemeinsamen Verständnisses entsteht. Hinzu tritt die mediale Vermittlung, Bücher und Zeitungen lesen oder Fernsehen und das Internet nutzen. Unsere Interaktion ist natürlich kulturell geprägt, entsprechend sind auch unsere mentalen Modelle konstruiert. Informationen nützen wenig, wenn wir sie nicht in unsere Denkmuster einbauen können.
Welche Rolle spielt bei diesen Prozessen Kreativität?
Kreativität ist hier ein ganz wichtiger Begriff. Die Wissensgesellschaft basiert letztlich auf Kreativität, nicht im engeren Sinne einer künstlerischen Kreativität. Vielmehr ist der Begriff sehr weit zu fassen, er beschreibt letztlich die Fähigkeit, mit fremdem Wissen, mit Unbekanntem umzugehen, dieses in die eigenen Denkwelten zu integrieren und daraus neues Wissen zu produzieren. Dabei gibt es unterschiedliche kreative Facetten. Die Kreativität eines Wissenschaftlers unterscheidet sich von der eines Künstlers, sie ist weniger spontan und langfristiger angelegt. Der amerikanische Soziologe Richard Florida spricht in diesem Zusammenhang ja von einer „kreativen Klasse“, die nach seiner Definition die unterschiedlichsten Berufe umfasst, Juristen, Ingenieure, Mediziner und auch die „Bohemiens“. ..
... oder auch Politiker. Sie haben die kulturelle Prägung von Wissen angesprochen. Dieser Aspekt lässt sich nicht so ohne weiteres auf schulische Bildung oder berufliche Qualitäten reduzieren. Auch ein „Unqualifizierter“ kann kreativ sein.
In unseren Gesellschaften gibt es Gruppen, die nicht die entsprechenden mentalen Modelle entwickelt haben, um mit den Anforderungen der Wissensgesellschaft fertig zu werden, d.h. ihnen fehlt einerseits das fachliche, heute wissenschaftlich geprägte Wissen, aber auch die Fähigkeit, dieses persönlich zu verarbeiten. Man kann heute nicht mehr von einer Trennung der Gesellschaft in traditionelle Klassen nach dem Schema Arbeit und Kapital ausgehen. Entscheidend ist, ob und wer wissenschaftlich fundiertes Wissen besitzt und damit umgehen kann oder nicht. Natürlich kann auch ein „Unqualifizierter“ kreativ sein, es ist dann aber eine Kreativität, die sich außerhalb und neben der Wissensgesellschaft entfaltet. Bildung ist nicht alles, aber eine Voraussetzung, um sich in unserer Gesellschaft zu behaupten. Die politische Herausforderung besteht darin, dass man einerseits Spitzenleistungen fördern muss, und dass man sich auf der anderen Seite keine ungebildete Unterschicht am Rande der Gesellschaft leisten kann. Die kulturelle Leistung wird darin bestehen, diese bildungsfernen Schichten an die Wissensgesellschaft heran zu führen. Dazu gehört auch die Vermittlung der Fähigkeit, mit den Instrumenten der Wissensgesellschaft umzugehen.
Sie haben die Wissensökonomie und die damit befassten Berufsgruppen sehr weit definiert. Lässt sich das näher klassifizieren?
Die allgemeine Definition von Wissensökonomie ist klar: Als Ergebnis der Ausweitung von Wissensarbeit fließen immer größere Wissensbestände in Güter und Dienstleistungen ein. Im Prozess der Nutzung und Anwendung von Wissen entstehen in immer größeren Mengen marktfähige Wissensgüter. Angesichts der Unübersichtlichkeit des Terrains haben wir versucht, das System Wissensökonomie in Teilsysteme zu gliedern, um es besser handhaben zu können. Ausgangspunkt unserer Überlegungen war dabei das Phänomen, dass in den großen Metropolen immer mehr dienstleistungsbezogene Firmen entstehen, die den Globalisierungsprozess begleiten und unterstützen – Wirtschafts- und Rechtsberatungsunternehmen oder Marketingagenturen.
Diese Gruppe haben wir als transaktionsorientierte Dienstleister bezeichnet, was nichts anderes heißen soll, als dass sie für andere Unternehmen – z.B. die Multinationals - aus den Bereichen der Finanzwirtschaft und Industrie Aufgaben übernehmen, die von der Vertragsgestaltung über die Organisation von Transfers bis hin zur Logistik reichen können. Es handelt sich wesentlich um Finanzdienstleister, Anwälte, Wirtschaftsberater, Marktanalytiker oder Marketingagenturen usw.
Daneben haben wir drei weitere Gruppen der Wissensökonomie ausgemacht. Zunächst die von uns so genannten transformationsorientierte Dienstleister. Sie arbeiten mit ihrem Wissen direkt der industrielle Produktion zu, etwa durch Forschung und Entwicklung, die Beratung im Bereich der technischen Produktionsvorgänge, die Entwicklung von Produktions- wie von Produktdesign. Als nächstes sind die Hochtechnologie-Unternehmen selber zu nennen. Sie entwickeln mit ihrem Wissen neue Produkte etwa im Bereich Medizin- und Biotechnik oder Computer- und Kommunikationstechnologie, sind aber auch im Anlagenbau für die Automobilproduktion und Ähnlichem tätig. Der Bereich, der im Rahmen der Wissensökonomie am stärksten wächst, ist schließlich die Informations- und Medienindustrie. Das ist ein vergleichsweise heterogener Bereich, der von der Software-Produktion über Werbung bis hin zur Kultur- und Kreativwirtschaft im engeren Sinne reicht. Diese vier großen funktionalen Bereiche liegen allesamt quer zu den Branchendefinitionen, die traditionell entlang der Produktspezifikationen gezogen werden. Aus unserer Sicht sollte Wissensökonomie nicht über Produkte definiert werden, sondern über die Funktionen, die sie im gesellschaftlichen Kontext einnehmen, sowie über ihre Position im Produktionsprozess selbst.
Worin unterscheidet sich Ihr Ansatz von der „Kreativen Klasse“ Richard Floridas?
Florida hat weniger die Wirtschaft als eine Organisationszusammenhang, als vielmehr die Personen als wirtschaftliche Akteure im Blick. Seine Kategorisierung der Berufsgruppen kann man durchaus unseren Unterteilungen der Wissensökonomie zuordnen. Es gibt eine ganze Reihe von Überschneidungen und Ergänzungen. Was auch kein Wunder ist, denn was wir beide tun, ist eigentlich nichts besonderes. Wir versuchen, die veränderte Wirklichkeit unserer Gesellschaft auf den Begriff zu bringen.
Bei der Diskussion um die Definition der Kultur-/Kreativwirtschaft haben die Berufe und die entsprechende Statistik ebenfalls eine gewisse Rolle gespielt.
Egal, ob man sich dem Problem über die Berufsgruppen oder die Branchen nähert, man muss immer genau hingucken. In allen von mir genannten vier Funktionsbereichen arbeiten neben den Spezialisten, die den jeweiligen Funktionsbereich definieren, beispielsweise auch Juristen. Auf Dauer muss man berufsorientierte und branchenstrukturelle Analysen zusammenbringen.
Wissensökonomie im Raum
Den vier genannten Bereichen der Wissensökonomie ist ein hoher Anteil von virtueller Arbeit gemeinsam. Gleichen sich auch ihre Wünsche, wenn sie bei der Wahl ihres Standortes in der realen Welt andocken?
Nein. Das kritisiere ich auch an den Konzepten der „Kreativen Stadt“, die in Anlehnung an Florida entwickelt werden. In diesen Konzepten werden letztlich alle Kreativen in einen Topf geworfen, um dann einen Typus von Stadt zu entwerfen, der der kreativen Klasse insgesamt gerecht werden soll. Aus meiner Sicht gibt es eine Vielfalt divergierender Interessen, was die einzelnen Berufsgruppen in den Teilbereichen der Wissensökonomie, ihre Arbeit, ihre Lebensumstände und ihre Bedürfnisse betrifft. Sie ballen sich in räumlichen Cluster mit sehr spezifischen baulich-räumlichen Merkmalen und auch sehr spezifischen sozialen Netzwerken bis hin zu Mustern des Zusammenlebens und Wissensaustausches. Daraus bildet sich keine einheitliche Welt, kein einheitlicher Typus von creative city, keine einheitliche kreative Klasse, sondern eine große Vielfalt, ein Puzzle auf jeder Ebene.
Es gibt also mehrere Typen der kreativen Stadt, in der sich Teilsegmente der Wissensökonomie verorten ?
Ja, nehmen wir die transaktionsorientierten Dienste. Frankfurt z.B. ist die deutsche Finanzstadt schlechthin. Das Bankenzentrum, der Business-Distrikt, beherrscht als Materialisierung dieses Segments der Wissensökonomie das Zentrum des Stadtraums. Berlin dagegen ist keine bedeutende Finanzstadt, dafür ist hier die Medienindustrie stark vertreten. Die Musikwirtschaft, die Mode und Multimedia entwickeln ganz andere Standortmuster. Während die Finanzdienstleister eher auf Repräsentativität setzen, geht es bei der Medienindustrie offensichtlich um die Suche nach Vielfalt, nach Heterogenität, nach Anregung. Die oben schon angesprochenen Forscher und Entwickler, also die transformationsorientierten Dienstleister, und die High-Tech-Unternehmen finden Sie dagegen in Technologieparks. Sie sind zum einen von ihrer Umgebung abgetrennt, zum anderen schotten sich die dortigen Unternehmen teilweise auch voneinander ab. Es gibt keine Szenen und Milieus wie in den Quartieren der Kreativindustrie. Wenn Sie beispielsweise nach Berlin-Adlershof kommen, werden Sie überall von Kameras beäugt. Die dort versammelten Forschungsinstitute bearbeiten z.T. hochsensible Aufträge, die gegen Spionage oder Ähnliches geschützt werden.
Frankfurt, auch Berlin sind im globalen Kontext vergleichsweise kleine Städte. In Metropolen wie New York oder London verteilt sich ein übergreifendes Angebot aller Bereiche der Wissensökonomie. London ist internationales Finanzzentrum, ist eine Hauptstadt des weltweiten Kunsthandels und Sitz führender Multimedia-Unternehmen.
Diese Städte sind in der Tat nicht mit den deutschen Großstädten vergleichbar. Sie sind so vielfältig und riesig, dass sie unterschiedlichsten wirtschaftlichen Aktivitäten Entfaltungsmöglichkeiten bieten und alle Funktionen der Wissensökonomie bedienen können. Das trifft allerdings nur auf die erwähnten großen europäischen Metropolen und einige andere global bedeutsame Metropolen zu - auf die so genannten global cities. Die chinesischen Megacities wie Shanghai dürften inzwischen ähnlich vielfältig sein und zu dieser Gruppe gehören. Kleinere Großstädte sind dagegen gezwungen, sich auf einige wenige Felder zu spezialisieren, auf denen sie im globalen und europäischen Maßstab mithalten können. In Deutschland gibt es eine Vielfalt mittelgroßer Metropolen, deren Potential nicht für eine Profilierung in der ganzen wissensökonomischen Bandbreite ausreicht. In Frankfurt beklagt man sich beispielsweise darüber, dass es dort keine heterogenen Stadtteile gibt, in denen die nachwachsenden Kreativen Platz finden. In New York werden dagegen immer wieder andere Stadtteile als kreativ und hip entdeckt, die erst die Kreativen, dann das Kapital anziehen. Am ehesten ähnelt noch Berlin den großen Metropolen. Zumindest zeichnet sich hier ein ähnlicher Kampf zwischen den kreativen Pionieren und den nachrückenden besser situierten Kreativen und Investoren ab.
Das erinnert an frühere Prozesse der Gentrification ?
Ähnlichkeiten zu früheren Zeiten sind zweifellos vorhanden, heute ist der Wandlungsprozess aber in besonderer Weise von der Wissensökonomie und ihren Akteuren geprägt. Die, die heute nachrücken, sind nicht nur wohlhabende Leute, die einen schicken Stadtteil suchen. Es sind besser verdienende junge Personen, die ihren Lebensunterhalt in der Wissensökonomie bestreiten und eine sehr starke städtische Orientierung haben. Sie verdrängen die kreativen Pioniere, die sich in vergleichsweise prekären Lebenssituationen befinden und zum Teil auch Alteingesessene. Viele der nachrückenden Firmen sind ebenfalls in der Wissensökonomie tätig, sie sind aber besser mit Kapital ausgestattet und werten die Viertel auch als Wirtschaftsstandort auf. Letzteres spielte in der alten Gentrification-Debatte nur eine untergeordnete Rolle.
Was macht dann das Neue an diesem Wandel hin zu einer Stadt der Wissensökonomie aus?
Wir erleben derzeit einen doppelten, schon länger andauernden Umgestaltungsprozess. Einmal wandelt sich mit der aufziehenden Wissensgesellschaft das Gesicht der Stadt. Ihre industriellen Zonen, ihre einstige wirtschaftliche Basis, verschwinden. Einige der Bauwerke bleiben als interessantes physische Fragmente erhalten und werden umgenutzt. Es entstehen Zonen der Unterhaltung mit besonderen Qualitäten. Sie werden bewusst zu Schauseiten der Städte stilisiert und genießen eine besondere Wertschätzung. Dem Erscheinungsbild wird überhaupt eine größere Rolle zugeschrieben. Man spricht hier gerne vom look and feel of the location. Nehmen Sie als Beispiel die Hamburger Hafencity. Zugleich ist der Trend zur Suburbanisierung in der bisherigen Form gestoppt. Die Mittelschichten ziehen zwar noch an den Stadtrand, nutzen aber in viel stärkerem Maße als in der Vergangenheit auch Gründerzeitstadtteile und, wenn möglich, die City als Wohnort. Das schlägt sich auch in den örtlichen Angeboten der Gastronomie wie des Einzelhandels sowie vielfältiger Dienstleistungen wieder. Dieses neue Ambiente wird zum anderen auch von Firmen genutzt, SAP baut z.B. in Berlin einen neuen Glaspalast in die sog. Spandauer Vorstadt, mitten hinein ins Wohnquartier, wo sich die jungen Familien mit ihren Kindern auf den Spielplätzen tummeln. Planer bezeichnen diese Entwicklung als neue „städtische Mischung“. Zu dieser Mischung gehört auch, dass sich in den Innenstädten vermehrt neue individualisierte Wohnformen wie Stadthäuser durchsetzen. Dieser Typus nimmt das Einfamilienhaus vom Stadtrand als Modell und verlagert es zurück in die Stadt, indem das Wohnen in der Fläche nun über mehrere Stockwerke verteilt wird. Insgesamt individualisiert sich das städtische Leben stärker, mit der Folge, dass der Massenwohnungsbau, wie wir ihn aus der Industriestadt kennen, heute kaum noch nachgefragt wird. Das alles sind natürlich nur einzelne Facetten dieses Wandels, die noch kein geschlossenes neues Bild von der Stadt ergeben. Dementsprechend gibt es auch es auch noch keine Theorie, die die Stadt der Wissensgesellschaft vollständig analysieren und umfassend beschreiben kann.
Welche Möglichkeit bleiben der Kulturpolitik bei dieser Entwicklung – neben der Favorisierung solcher Projekte der Hamburger Elbphilharmonie oder der Berliner Museumsinsel?
Vorzeigeprojekte wie die Elbphilharmonie oder die Museumsinsel versuchen, der Stadt ein nach außen und innen gerichtetes Zeichen zu geben, ihnen auch eine Identität zu verschaffen, die von innen und außen als Besonderheit und Einzigartigkeit der jeweiligen Stadt wahrgenommen werden kann. Solche Projekte bedienen die Wünsche von Touristen und sprechen die Einheimischen gleichermaßen an, denn wir bewegen uns in unseren eigenen Städten häufig wie Touristen, was übrigens ein typisches Kennzeichen des Wissensarbeiters ist – er genießt seine Stadt als Flaneur. Allein – für eine Stadtkultur reicht das nicht. Neben dem Repräsentativen gilt es auch Kultur in den Quartieren. Dort wird allerdings keine separierte „Stadtteilkultur“ geboten, sondern Kultur verbindet hier ein spezifisches Lebensgefühl mit der Vielfalt aufeinander bezogener Aktivitäten. Kultur in den Stadtteilen ist sowohl nah an den Menschen, als auch international. Das Angebot im Stadtteil kann von der repräsentativen Hochkultur bis zum Jazzclub, zu Bars, Programmkinos, Galerien und Bildender Kunst oder experimentellem Theater reichen. Das alles macht die Stadtteile für Städter aus der ganzen Stadt und darüber hinaus interessant. Kultur entwickelt sich hier eigentlich von selbst. Man sollte solche Prozesse der städtischen Selbstorganisation von städtischer Seite nicht etwa durch Vorschriften des Bau- oder Ordnungsrechts behindern oder unterbinden, sondern unterstützen und fördern. Kultur trägt zur Aneignung der Stadt als öffentlichen Raum bei und dient auch den Selbstfindungsprozessen der Gesellschaft. Die Kulturpolitik sollte deshalb nicht nur Großvorhaben fördern, sondern die Stadt insgesamt im Blick behalten und das Ganze, die Vielfalt an kulturellen Aktivitäten in der ganzen Stadt unterstützen, wenn sie ihre Städte für die Wissensgesellschaft interessant machen will.
Die Fragen stellte Wolfgang Hippe
Prof. Dr. Hans Joachim Kujath leitet seit 1994 die Forschungsabteilung I “Regionalisierung und Wirtschaftsräume” des Instituts für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS) (mehr hier ) und ist zugleich stellvertretender Direktor. Seit November 2004 ist er Honorarprofessor an der Technischen Universität Berlin / Institut für Stadt- und Regionalplanung. Seine Arbeitsschwerpunkte: Wirtschaftsraum- und Wirtschaftsverflechtungsanalysen, Metropolenforschung, Europäische Raumentwicklung, insbesondere Osteuropa, Regionale Struktur- und Raumentwicklungspolitik. Aktuelle Publikationen:
Heinelt, Hubert/Kujath, Hans Joachim/Zimmermann, Karsten (Hrsg.) „Wissensbasierte Dienstleister in Metropolräumen“ Opladen 2007
Kujath, Hans Joachim/Schmidt, Suntje: „Wissensökonomie und die Entwicklung von Städtesystemen“ Working Paper, Erkner, Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung, 2007 (Download hier )
Kujath, Hans Joachim/Schmidt, Suntje (Hrsg.) „Umbau von Städten und Regionen in Nordostdeutschland. Handlungsnotwendigkeiten und Handlungsperspektiven. Räumliche Konsequenzen des demographischen Wandels“, Arbeitsmaterial der ARL Nr. 330, Hannover 2007
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