Kultur macht Europa - 4. Kulturpolitischer Bundeskongress
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07.05.2008

Im Gespräch: Michael Müller

Der biologischen Vielfalt widmet sich die neunte UN-Naturschutzkonferenz vom 19. – 30. Mai in Bonn. Nicht nur mit einem Kulturprogramm soll dabei die Wechselwirkung zwischen biologischer und kultureller Vielfalt deutlich gemacht werden. Denn die biologische Vielfalt ist nicht allein aus ökologischen, genetischen, sozialen, wirtschaftlichen, gesundheitlichen und wissenschaftlichen Gründen zu bewahren, sondern auch wegen ihres erzieherischen, kulturellen und ästhetischen Werts – so die Präambel des UNESCO-Übereinkommens über die biologische Vielfalt. Anlass für ein Gespräch mit Michael Müller, dem Parlamentarischen Staatssekretär im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit.

Herr Staatssekretär, ist die biologische Vielfalt bedroht?

Müller: Sie ist mehr als bedroht. Allein nach den Zahlen des Weltklimaberichtes sind 25 bis 30 Prozent der Welttierarten klimabedingt vom Aussterben bedroht. Zudem wird die Natur immer mehr als ökonomische Quelle entdeckt, beispielsweise bei den Bio-Kraftstoffen. Das alles zusammen ist auch deshalb eine problematische Mischung, weil wir überhaupt erst ein Viertel bis ein Drittel der Arten kennen, die auf der Erde vorkommen.

Gibt es tatsächlich zuverlässige Daten zu diesen Prozessen?

Die Daten, die wir kennen, sind deutlich und wichtig genug, um sie ernst nehmen zu müssen. Wir wissen ja gar nicht, welche biologischen Schätze für die Medizin oder auch für moderne Verfahrenstechniken überhaupt noch da sind. Dabei ist es hoch wahrscheinlich, dass solche Schätze noch da sein müssten.

Haben Sie den Eindruck, dass dieses Thema in der breiten europäischen Öffentlichkeit schon angekommen ist?

Nein. Dafür gibt es auch einen einfachen Grund. Die europäische Kulturgeschichte ist von dem Verständnis geprägt, dass man Natur grenzenlos nutzen kann. Mensch und Natur wurden als zwei gegensätzliche Pole gesehen, aber nicht als ein sich ergänzender Zusammenhang. Die Natur galt dabei als ein sich selbst regulierendes System. Das war in der europäischen Moderne lange Zeit unbestritten. Nur ein Beispiel: René Descartes beispielsweise sah die Natur nur da als zu beachtenden Gegenstand an, wo sie mathematisch erfassbar ist.

Auch der Mensch galt als Maschine. Das heißt, es ist eine andere kulturelle Orientierung notwendig?

Ja.

In der Präambel der UNESCO-Konvention zur biologischen Vielfalt wird deren Bedeutung auch für andere Bereiche angesprochen und dabei die Notwendigkeit von sozialer, kultureller und ästhetischer Diversität betont. Ist ein solcher Begriff von Vielfalt die Richtschnur für  zukünftige Politiken?

Ich glaube, dass wir vor einer grundlegenden Auseinandersetzung stehen, die man nur kulturell lösen kann. Drei Punkte sind dabei wichtig. Erstens: welches Verständnis von Zeit haben wir? Dominiert das ökonomische Ziel der Kurzfristigkeit oder brauchen wir eine Kultur, die in langen Ketten im Sinne von Nachhaltigkeit denkt? Im Augenblick setzt sich das ökonomische Verständnis von Zeit durch, der sich nicht mit der Bewahrung der Natur verträgt. Zweitens: ist die moderne Machtkonzentration, Unilateralismus, Konzentration auf ökonomistische Lösungen und so weiter die Lösung? Oder ist es die Vielfalt, die Pluralität in den Wegen? Auch da setzt sich im Moment eher die Tendenz zur Konzentration durch. Und drittens: was prägt die Moderne? Ist es die Gesellschaft oder ist es die Ökonomie? Mindestens in den vergangenen Jahrzehnten lag eine deutliche Priorität bei der Ökonomie.

Und das heißt praktisch?

Wir brauchen einen Wechsel weg vom deterministischen Denken der Moderne, das von einem ständigen „Schneller, Höher, Weiter“ ausgeht. Wir brauchen ein Denken, das in und mit den Strukturen von Vielfalt operiert und das auch sehr viel stärker Prozesse des Korrigierens beinhaltet. Kurz, wir brauchen ein ökologisches Denken.

Bei der Unesco-Konvention zur Biodiversität wird auf die kulturelle Komponente hingewiesen. Bei der Unesco-Konvention zum Schutz kulturereller Ausdrucksformen fehlt ein Bezug zum Komplex Biodiversität. Aus Ihrer Sicht ein Versäumnis?

Ja. Ich glaube, wir brauchen einen breiteren Ansatz. Die Ökologie ist in der Moderne so etwas wie ein Nachzügler. Ökologisches Denken gehört nicht zur Tradition europäischen Denkens, es hat sich erst in den letzten Jahrzehnten entwickelt. Gerade deshalb muss es auch kulturell durchdrungen werden. Das ist nicht zuletzt deshalb wichtig, weil die Umweltdebatte heutzutage weitgehend auf technische Fragen reduziert wird. Aber damit sind viele Probleme nicht lösbar.

Der Sonnenkollektor auf dem Dach alleine bringt es nicht?

Überhaupt nicht. Es geht immer um drei Grundfragen. Einmal um die Frage der Effizienz, also um die deutliche Reduzierung der Umweltbelastung durch eine Technologie. Zweitens immer auch um Suffizienz, also die Bewertung der Lebensqualität, die auch dazu führen kann, dass man auf bestimmte Sachen bewusst verzichtet. Beispielsweise kann Nähe wertvoller sein als Distanz und Entfernungen. Und drittens, man braucht eine Konsistenz, das Ganze muss in sich eine organische Verbindung haben. Das sind drei Denkweisen, die mit dem Thema Ökologie und Nachhaltigkeit verbunden sind, aber nicht mit unserem klassischen Wachstumsdenken.

Sollte das Eintreten für Biodiversität Querschnittsaufgabe auch für andere Politikfelder werden?

Ja.

Im Allgemeinen wird Kunst/Kultur in der von Ihnen angesprochenen Tradition immer als etwas Zusätzliches definiert, das aus dem alltäglichen Rahmen fällt. Legt das nicht nahe, Kunst/Kultur nicht dieser ökologischen Orientierung zu unterwerfen?

Ich halte es für sinnvoll, den Dialog zwischen Politik, Gesellschaft und Kultur zu diesen Fragen zu intensivieren. Mir ist beispielsweise aufgefallen, dass in der Bildenden Kunst trotz Joseph Beuys wenige Beiträge zur Ökologie-Debatte geleistet wurden. Dabei ist das Naturverständnis vor allem eine kulturelle Herausforderung.

Hätten Sie denn eine Empfehlung für die Kulturpolitik, um die ökologisch/nachhaltigen Aspekte stärker in den Diskurs zu bringen?

Die angesprochenen Fragen muss man natürlich in den vielfältigsten Formen aufarbeiten, beginnend von der Literatur über den Film bis zum Theater und zur Bildenden Kunst. Aber es wäre vielleicht schön, wenn man in Berlin oder in einer anderen deutschen Metropole einmal eine große Ausstellung zu dem Thema „Kunst und Natur“ machen würde, mit dem Untertitel „Die Jünger von Beuys“.

Die Fragen stellte Wolfgang Hippe.

Informationen zur Unseco-Konferenz hier 

Die Unesco-Site zur Convention on Biological Diversity hier

Die Homepage von Michael Müller hier

 


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