Kultur macht Europa - 4. Kulturpolitischer Bundeskongress
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02.04.2007

Im Gespräch: Hermann Voesgen

Herr Prof. Voesgen, es gibt heute in Europa über 100 Studiengänge in 35 Ländern, die Kulturmanager ausbilden. Gibt es bei diesen Angebote Unterschiede, was Aufbau und Zielsetzung des Studiums betrifft ?

Es gibt eine Reihe von Unterschieden. Die Mehrheit der Studiengänge sind entstanden in Universitäten und Fachhochschulen und sie sind Teile des akademischen Betriebes. In den letzten Jahren wurden zunehmend auch Kurse von privaten Bildungseinrichtungen installiert. Diese Angebote sind vielfach auf die Vermittlung von Anwendungswissen konzentriert. An den Hochschulen ist Kulturmanagement an kulturwissenschaftlichen, ökonomischen oder künstlerischen Fachbereichen angesiedelt. Die jeweilige Zuordnung wirkt sich auch auf die Schwerpunkte in den Curricula aus. Gemeinsam ist den meisten  Studiengängen aber, das sie auf den drei Säulen, Ökonomie/Management, Kulturwissenschaften/Soziologe, sowie Ästhetik in Theorie und Praxis aufbauen.

1999 haben die Bildungsminister der Europäischen Gemeinschaft den sog. Bologna-Prozess eingeleitet, um eine einheitliche Hochschulausbildung in der EU zu erreichen. Wie wirkt sich das im Fall des Kulturmanagers aus ?

Vielleicht erst einmal eine Bemerkung zu diesem Reformprozess ganz allgemein. Er soll von 1999 aus in zehn Jahren, also bis 2010 umgesetzt sein und gleicht im Konzept eher einer Kampagne. Es gibt keine Beratungen in den nationalen Parlamenten und Bürokratien, sondern Deklarationen der zuständigen Minister. Ein Grund für die bisherige fast reibungslose Durchsetzung liegt in der Plausibilität der Ziele. Europa muss, um im globalen Wettbewerb konkurrenzfähig zu bleiben, alle geistigen Ressourcen aktivieren und einen europäischen Wettbewerb um die besten Hochschulen entfachen ....

… auf dem sog. Lissabon-Gipfel wurde dazu als allgemeine Vorgabe formuliert: Europa müsse „the most dynamic and competitive knowledge-based economy in the world“ werden.

In der Tat. In den Hochschulen soll diese Strategie u.a. durch die Einführung zweistufiger Abschlüsse erreicht werden, wie sie etwa in Großbritannien und den USA üblich sind: Dem Bachelor als berufsqualifizierender folgt der Master als akademisch orientierter Abschluss. Für alle Lehrveranstaltungen werden Leistungspunkte (Credits) vergeben, die sich nach erbrachten Arbeitsleistungen (workloads) berechnen. Jeder Studierende muss pro Semester 30 Credits erreichen, damit das Semester anerkannt wird. So werden die Arbeitsleistungen überall in Europa via ECTS quantitativ vergleichbar - ECTS steht für European Credit Transfer System. Weitere Instrumente sind die Modularisierung des Studiums, d.h. seine Aufteilung in abgestimmte Einheiten, und die Förderung der Mobilität.

Viele Kulturmanagement-Studiengänge erfüllten doch schon bei ihrer Einführung mindestens einen Teil dieser Vorgaben.

Die Studiengänge im Bereich Kulturarbeit/Kulturmanagement spielen in der Tat eine Art Vorreiterrolle, was ihren interdisziplinären Ansatz oder ihre Praxisorientierung betrifft. Es gibt allerdings auch eine gewisse Skepsis, was die Harmonisierung des Studienprozesses und die kulturellen Besonderheiten der Kulturangebote in den jeweiligen europäischen Ländern betrifft. Das „Kulturverständnis“ der Kulturwissenschaften ist nicht so einfach zu quantifizieren wie die „Natur“ im Verständnis der Naturwissenschaften. Was in dem einen Feld Transparenz und Vergleichbarkeit fördert, kann im anderen Feld leicht zur inhaltlichen Verarmung führen. Um ein Beispiel zu nennen: um die Geschichte eines Landes überhaupt verstehen zu können, ist es sinnvoll, die Landessprache zu sprechen. Die Standards einer einheitlichen Wissenschaftssprache reichen hier nicht aus, um die Feinheiten zu demonstrieren. In den Naturwissenschaften steht dagegen das Englische als Lingua Franca gar nicht zur Disposition.

Kulturmanagement lebt u.a. von der Kenntnis der kulturellen Besonderheiten.

Ja, und deshalb hat Bologna auch Grenzen. Ein Beispiel: Bologna will die Studiengänge europaweit überschaubar und vergleichbar machen. Gut daran ist, dass hier mit der Selbstbezogenheit  von Universitäten aufgeräumt wird. Ausländische Studenten sind aber nicht immer der Landessprache mächtig, deshalb muss der Studiengang nicht nur Abschlüsse, Module und Credits darstellen, sondern alles auch auf Englisch präsentieren. Hier tauchen bei der Übersetzung schnell Probleme auf. Schon die Begriffe Modul oder Projekt können in den europäischen Ländern unterschiedliche Bedeutungen haben. Auch englische Begriffe werden in den einzelnen Ländern unterschiedlich benutzt.

Lost in translation, hier tut sicherlich ein Fachwörterbuch not.

Das wird ein wichtiges Vorhaben unseres Netzwerkes ENCATC sein. Dabei sind die Curricula der Studiengänge im Kernbereich der Managementkurse gut vergleichbar. Marketing, Fund Rising, Öffentlichkeitsarbeit usw. sind Module, die in allen Studiengängen in Europa zu finden sind. Es gibt natürlich auch nationale Unterschiede, weil es etwa unterschiedliche Finanzierungsysteme gibt. Aber es gibt eben auch eine gemeinsame Plattform.

Kommen wir noch einmal auf Kunst und Kultur zurück. Sie leben von Differenzen und Nuancen, das gesprochene und/oder geschriebene Wort spielt eine große Rollen, aber es gibt auch große non-verbale Komplexe – Musik, Bildende Kunst, Tanz ... Wie damit umgehen ? Ähnlich in der Bildende Kunst

Der Beitrag von Mladen Stilinovics zu der von Harald Szeemann 2003 kuratierte Ausstellung „Blut und Honig „ bestand aus einem Satz: „An artist who cannot speak English is no artist“. In den Bildenden Künsten, dem Tanz und der Musik ist es ähnlich wie in den Naturwissenschaften, aus dem bearbeiteten Material entstehen Zusammenhänge, die nicht der Sprache bedürfen. Für den verbleibenden verbalen Rahmen ist aber Englisch unabdingbar. Musiker oder Maler die ihre Titel, Ansagen, Pressekonferenzen nicht in englisch machen können, haben kaum Chancen auf dem globalen Markt. Das auch dabei etwas verloren geht, ist zu spüren, wenn ein französischer Tänzer mit einem deutschen Publikum über seine Arbeit in Englisch diskutiert.

Sprache und Mobilität hängen eng zusammen. Vor Ort lernt man eine fremde Sprache besser kennen. Wenn in Europa gleiche oder ähnliche Studiengänge bestehen, müsste das doch ein zusätzlicher Anreiz sein, im Ausland zu studieren.

Der Aufwand eines Auslandssemesters lohnt sich nur, wenn  inhaltlich Differenz-Erfahrungen möglich sind. Das kulturelle Leben von Bremen unterscheidet sich von dem in Kiew oder Bordeaux – das macht den Reiz aus. Das sollte sich in den Vorlesungen und Seminaren auch wiederfinden. Wenn allerdings zu stark vereinheitlicht wird, verliert sich das. Auslandsstudien galten bisher auch als ein Weg, durch andere Erfahrungen die eigene Position zu finden. Dem steht die Tendenz gegenüber, die Studierenden mit universell einsetzbaren Methoden, Handbüchern, Checklisten auszustatten, die mögliche Verunsicherungen abfedern. Auch die Sprache bleibt eine hohe Hürde für die Ausweitung der Mobilität.

Der Reiz des Neuen sollte nicht unterbewertet werden, im Zweifel dürfte das Englische helfen ...

Gute Englischkenntnisse sind ein notwendiger Standard. Es wäre jedoch fatal, wenn europäische Kooperationen nur noch über diese Mittlersprache laufen würden. Daher sollte besonderer Wert auf die Ausbildung von Kulturmanagern gelegt werden, die zwei bis drei Sprachen (neben englisch) können und sich in den jeweiligen Traditionen und Kulturräumen bewegen können.

Ein Aspekt des Bologna-Prozesses wird immer wieder hervor gehoben: er zwingt die Hochschulen, ihre bisherige Praxis auf den Prüfstand zu stellen und sich europaweit aufzustellen. Dass dabei Probleme entstehen, versteht sich von selbst. Die Notwendigkeit zur Feinsteuerung des Reformprozesses in Sachen Studium Kulturmanagement haben Sie deutlich gemacht. Welche Schwerpunkte wollen Sie in den nächsten Jahren setzen ?

Aus meiner Sicht sind es drei zentrale Aufgaben: Es gibt sinnvolle Standardisierungen, die bisher nicht ins Blickfeld der Reformprozesse stehen. So sind  die Semesterzeiten in Europa ganz unterschiedlich geregelt. Diese Vielfalt ist nicht notwenig und sollte  vereinheitlicht werden. Der Akteure des  Bologna Prozesses haben sich mit solchen „simplen“ Fragen bisher nicht aufgehalten Das ist jedoch ein Fehler. Im letzten Semester musste eine englische Gaststudentin ihren Aufenthalt an der Fachhochschule Potsdam abbrechen, weil im Januar bereits das neue Semester in ihrer Hochschule begann.  Durch einheitliche Anfangszeiten wird Mobilität ungemein erleichtert und gemeinsame Projekt werden dadurch erst möglich.

Die zweite Aufgabe ist die Förderung des Austausches zwischen den europäischen Studiengängen. Dazu gehören Fragen nach den inhaltlichen  Ausrichtungen, dem Verhältnis von Theorie und Praxis, sowie Arbeitsweisen und Pädagogik. Die Reform hat uns mit einem Zuckerguss aus formaler Vergleichbarkeit und Harmonisierungsversprechen überzogen. Das ist verführerisch, ersetzt aber nicht den Austausch über die unterschiedlichen Rezepturen. ENCATC trägt mit regelmäßigen Workshops zum Diskurs zwischen europäischen Kulturmanagern bei. Themen wie kulturelles Erbe, Kultur und Wirtschaft, Kulturentwicklung, Interkultur in den Großstädten, um Beispiele aus den letzten beiden Jahren zu nennen, ermöglichen spannungsvoller Vergleiche, Kontroversen und Anregungen. Wir arbeiten an der Harmonisierung  der Studiengänge ohne Harmonie zu verbreiten.

Schließlich sollten die Studiengänge auf dem Gebot der kulturellen Vielfalt bestehen und ihre Besonderheiten ausbauen. Um sie zu entwickeln ist Kontinuität notwendig. Der Zwang, laufend Innovationsstuck zu liefern, führt dagegen zu schnell verbrauchten Profilen. Es ist nicht die vordringliche Aufgabe eines Studienganges, sich auf dem Markt zu positionieren, vielmehr kritische Distanz zum Kulturbetrieb zu wahren und an seiner Eigenart zu arbeiten..

Die Fragen stellte Wolfgang Hippe.

Prof. Dr. Hermann Voesgen ist Professor für Kultur und Projektarbeit im Studiengang Kulturarbeit der Fachhochschule Potsdam und seit 1999 Leiter des Studiengangs und Prodekan im Fachbereich Architektur und Städtebau. 2005 wurde er zum Präsidenten das europäischen Netzwerk der Kulturmanagement-Studiengänge (ENCATC) gewählt. Zum siebenköpfigen Board des Netzwerks gehören außerdem Vertreter aus Frankreich, Finnland, den Niederlanden, Schweden, Polen und der Slowakischen Republik.

Das Netzwerk wurde 1992 in Polen gegründet, umfasst 124 Mitglieder und ist in 36 Ländern aktiv. ENCATC hält jährlich eine große Konferenz ab, leitet Akademien zur Qualifizierung von Ausbildungs- und Lehrpersonal, führt Themen-Workshops, Aktivitäten für StudentInnen und SchülerInnen sowie europäische und internationale Projekte durch, unterhält eine Informationsstelle und bietet seinen Mitgliedern Rat und Unterstützung. Informationen zu ENCATC hier

 

 


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