Im Gespräch: Kathinka Dittrich van Weringh
In der aktuellen Diskussion wird immer wieder vor einer „Instrumentalisierung der kulturellen Außenpolitik“ gewarnt – etwa für repräsentative, politische, soziale oder wirtschaftliche Zwecke. Gelegentlich ist sogar von einer „instrumentellen Kulturpolitik“ die Rede. Gibt es sie tatsächlich, die zweckfreie kulturelle Außenpolitik?
Kathinka Dittrich van Weringh: Auch Kulturpolitik findet nicht im luftleeren Raum statt. Es wäre naiv, grundsätzlich von einer zweckfreien Politik zu sprechen. Wenn der Zweck aber beispielsweise die Erhaltung des Friedens ist, ist das etwas anderes als wenn man für die Vermittlung von Wirtschaftsinteressen eintritt. Ich empfinde auch das Begriffspaar Export/Import für die kulturelle Außenpolitik wenig passend, denn wenn man etwas exportiert, sucht man in der Regel einen Käufer. Schon gar nicht würde ich von einer instrumentellen Kulturpolitik sprechen, auch wenn einige Länder das explizit von sich sagen wie etwa die Vereinigten Staaten.
Für welche Ziele instrumentalisieren die USA denn ihre kulturelle Außenpolitik?
Die gegenwärtige US-Regierung hat immer wieder erklärt „Wir wollen Demokratie verkaufen“, insbesondere im Irak und in Afghanistan. Ich halte das für völlig ausgeschlossen. Eine Demokratie muss von unten wachsen, sie braucht neben einer Infrastruktur auch eine kulturelle Haltung und einen langen Prozess der Gewöhnung. Sie braucht Zeit, um sich zu entwickeln. Wir wissen aus der Geschichte Europas, wie lange eine Diktatur nachwirkt. Spanien hat 25 Jahre gebraucht, bis es so weit war. In vielen mitteleuropäischen Ländern dauert der mühsame Prozess der Gewöhnung an die Demokratie noch an.
In Deutschland war es nicht viel kürzer als in Spanien, wenn man sich die Kontinuität der NS-Eliten und die gesellschaftliche Atmosphäre bis Ende der 1960er Jahre in Erinnerung ruft ....
Eine instrumentelle Kulturpolitik, wie sie die jetzige US-Regierung betreibt, zielt natürlich auch auf die eigene Wirtschaft und will helfen, deren Produkte zu verkaufen. Und tatsächlich beherrschen die USA viele Märkte. Aber mittlerweile gibt es gegen diese Art der Politik auch Gegenstimmen. Mein Eindruck: Man hat jetzt zum erstenmal begriffen, dass Kultur weitgefasst werden muss. Es geht nicht nur um die Künste oder die Kulturwirtschaft, sondern auch darum, wie Menschen miteinander umgehen, wie sie sich organisieren. Welchen ungeschriebenen Gesetzen sie folgen, welche Erinnerungen und Freuden sie haben, welche Narben sie tragen. Die US-Army hat in Afghanistan zum ersten Mal in ihrer Geschichte Anthropologen eingestellt, weil ihre Strategen den Stellenwert von Kultur jenseits dieser Verkaufstaktik zu begreifen beginnen. Die Kritik an der bisherigen Regierungspolitik kommt also nicht nur von der New York Times.
In Europa spielen Frankreich und Großbritannien als ehemalige Kolonialmächte außenpolitisch eine gewisse Sonderrolle. Frankreich hat beispielsweise lange und massiv für die Francophonie geworben und zugleich auch immer wieder militärisch interveniert.
Wir müssen immer die Geschichte mitdenken. Im Falle von Frankreich und Großbritannien wirkt deren Vergangenheit als Kolonialmächte natürlich im Hintergrund weiter. Ebenso wie die damit verbundenen wirtschaftlichen und politischen Interessen und eben die Erinnerung an Macht. Großbritannien war dabei mehr auf Handel ausgerichtet, Frankreich mehr auf die Dominanz des politischen Systems. Auch wenn Frankreich heute immer noch sehr stark an der Francophonie vor allem in Afrika interessiert ist, sind dort doch inzwischen ganz andere Länder eingestiegen wie z.B. China.
Frankreich engagiert sich zudem natürlich im Rahmen der EU.
In diesem Rahmen betreibt Frankreich auch eine kulturelle Außenpolitik, die sich von der früheren Linie sehr unterscheidet. Im Kern trifft man heute auf kein europäisches Land mehr, dessen kulturelle Außenpolitik nicht auf Werten wie Verständigung und Dialog beruht und die versucht, den anderen zu verstehen.
Zur Kulturpolitik gehört nach allgemeinen Verständnis auch die Förderung der creative industries. Großbritannien hat dieses Feld für seine kulturelle Außenpolitik sehr früh entdeckt.
Das britische Modell war und ist ein stimulierender Anstoß. In seiner Reinheit hat es sich längst nicht überall durchgesetzt, das sehen Sie auch an der Struktur der zahlreichen Kulturwirtschaftsberichte.
Das britische Modell der creative industries hat also nicht den erhofften kulturellen Einfluß?
Ja und nein. Mittlerweile ist das Bewusstsein über die Bedeutung der Kreativ- oder Kulturindustrien überall in Europa vorhanden. Man sollte allerdings nicht Ursache und Wirkung verwechseln. Kulturwirtschaft fördern bedeutet zunächst in menschliches Potential zu investieren. Ohne vielfältige kreative Kräfte keine vielfältigen kreativen Produkte. Die Menschen wollen nun mal aus einer möglichst breiten Palette kultureller Angebote auswählen können, was über einen monolithischen Markt nicht gewährleistet ist. Dieses Bewusstsein ist in UK sehr wohl da, die Investitionsbereitschaft in das Kreative ist allerdings geringer als auf dem sog. „Kontinent“. Auf der anderen Seite, und da ist UK beispielhaft, müssen sich die Schulen, Hochschulen und Kunsthochschulen modernisieren, weil sich die Welt verändert und weiterdreht. Es ist unrealistisch, zwischen der schnöden Wirtschaft einerseits und der hehren Kultur andererseits zu trennen. Diese Verbindung muss nicht automatisch mit Missbrauch einher gehen.
Wie sieht denn nach Ihrem Dafürhalten die ideale Außenpolitik der EU aus?
Die kulturelle Außenpolitik der EU muss die kulturelle Außenpolitik von Nationen, Regionen und Städten ergänzen. Wobei die Nationen noch stark sind, aber schwächer werden, während die Bedeutung von Regionen und Städte eher wachsen wird. Ergänzung bedeutet, gesamteuropäische Aufgaben zu übernehmen, die sonst nicht behandelt werden. Beispielsweise in Sachen Mobilität von Kreativen und Künstlern. Die Städte und Regionen sind daran nur interessiert, wenn sie daraus für sich einen Vorteil ziehen können. Es handelt sich aber um eine gesamteuropäische Aufgabe, die unabhängig von diesen Interessen gelöst werden muss. Dazu gehören auch Fragen des Steuerrechts oder Visa-Probleme. Oder die Migration - alle Nationen beschäftigen sich mit der Frage, wie mit der wachsenden Multikulturalität der Gesellschaften umzugehen ist, eine Antwort findet sich hier aus meiner Sicht nur über Europa. Ein weiterer Punkt: auch in der Außenkulturpolitik. Wenn sich beispielsweise in einer Stadt/Region in Brasilien Interesse an einer europäischen kulturellen Thematik artikuliert, dann werden sich die brasilianischen Organisatoren zuerst an die zufällig vertretenen Kulturinstitute aus europäischen Ländern wenden. Ein litauisches oder tschechiches oder serbisches oder ungarisches ist da wahrscheinlich nicht dabei. Gäbe es einen EU-Topf mit Incentive money, der bei begründetem Interesse auch gewünschte Künstler/Experten aus nicht offiziell vertretenen Ländern teilnehmen ließe ,dann wäre dies zum Wohle der europäischen Integration wie zum Wohle eines glaubwürdigen Dialoges der EU mit der Welt und der Welt mit ihr. Administrativ könnte das über das jeweils federführende Institut für eine europäische Veranstaltung abgewickelt werden, sei es nun das Institut Francais, British Council, Goethe-Institut, das Institut Cervantes, das polnische Kulturinstitut, oder wer denn auch.
Bedeutet das eine Europäisierung der Kulturinstitute?
Europa ist nur eine Komponente ihrer Arbeit. Nicht alles, was sie machen, wird automatisch europäische Kulturpolitik sein. Von einem Europa-Institut halte ich nichts. Auf die Zusammenarbeit kommt es an, wir sind schließlich auf unsere Vielfalt stolz.
Stichwort Vielfalt. Dabei handelt es sich um keine europäische Besonderheit. Indien und China beispielsweise sind Vielvölkerstaaten. In China gibt es mindestens 54 Sprachen, in Indien ein Mehrfaches davon. Kulturelle Vielfalt taugt eher nicht als exklusives Merkmal des europäischen Kontinents.
Das stimmt nur zum Teil. Indien erscheint mir zwar als ein besonders interessantes Beispiel für einen Staat mit einer Vielzahl von Kulturen, Sprachen, Religionen, und – nicht zu vergessen - machtregulierenden Kastensystemen. Und die Vielfalt funktioniert im Großen und Ganzen. Die Europäische Union ist dagegen kein einheitlicher Staat und ohne Kastensystem. Sie befindet sich vielmehr in einem Annäherungsprozess von sehr unterschiedlichen Nationalstaaten, die freiwillig Teile ihrer Souveränität an europäische Institutionen abgegeben haben. Die EU hat auf der Basis klar vereinbarter rechtstaatlich-demokratischer Werte einen gemeinsamen Verhaltenskodex nach innen wie nach außen entwickelt ( mit allen Stolpersteinen), ohne seine kulturelle Vielfalt und den Zugang aller Bevölkerungschichten zum vielfältigen kulturellen Angebot infrage zu stellen.. Dieses Modell ist bislang in der Welt einzigartig. Das heißt nicht, dass andere Modelle, z. B. das indische zwar nicht gleichartig wohl aber gleichwertig sind.
Die EU versteht sich offiziell als das „Europa der Nationen“. Die Konstruktion einer Nation schließt in der Regel Fremde aus. Seit dem Untergang des realsozialistischen Systems scheint es nicht nur in Osteuropa Versuche zu einer Rekonstruktion des klassischen Nationalstaats zu geben.
Diese Meinung teile ich nicht, auch wenn ich die Schwierigkeiten sehe. Eine Renationalisierung setzt möglichst homogene Gesellschaften voraus. Die Tendenz geht eher zu stärkeren Mischungen, weil die Grenzen in Europa nicht mehr verschlossen sind. Nehmen sie die baltischen Länder. Natürlich gibt es dort eine Wendung gegen die Russen als ehemalige Besatzer. Trotzdem wollen viele Russen keineswegs nach Russland zurück, obwohl sie es könnten. Als Litauer ist man schließlich Teil der EU. Zum zweiten soll Europa ja zusammenwachsen, das bedeutet mehr als eine Addition von Nationalstaaten. Der europäische Mehrwert ergibt sich freilich erst durch ein gemeinsames Tun.
Wenn die Europäische Gemeinschaft mehr ist als die Addition der Nationalstaaten, wo ist dann die Lobby für den europäischen Mehrwert, hier im Kulturellen?
Ein starker Teil dieser Lobby sind interessanterweise die Außenminister. Hier hat man wohl zwangsläufig einen anderen Blick als die Innenminister. Eine gemeinsame europäische Außenpolitik ist nach einhelliger Meinung ohne kulturelle Komponente nicht zu haben. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung, für die wir in allen 27 Mitgliedsstaaten nachgefragt haben. Wir haben dazu nicht nur Regierungsbeamte, sondern auch die Zivilgesellschaft und Oppositionelle befragt – und die Praxis geprüft. Erzählen kann man ja viel. Diese Tendenz zum Europäischen ist überraschend stark. Natürlich ist die Lobby nach meiner Vorstellung noch nicht stark genug, aber sie wächst vor allem aus der Zivilgesellschaft heraus. Nehmen Sie zum Beispiel die Plattform für den interkulturellen Dialog, die von der ECF (European Cultural Foundation) und EFAH ( European Forum for the Arts and Heritage) ins Leben gerufen wurde und der sich mittlerweile viele Vertreter der Zivilgesellschaft angeschlossen haben. Auch die EU-Kommission ist sehr froh über diese Initiative und will sie als politischen Partner.
Aufgabe der Kommission ist die Formulierung gesamteuropäischer Interessen im Sinne des europäischen Projekts, mit dem Reformvertrag wird auch das Europaparlament diese Aufgabe verstärkt wahrnehmen können. Die europäische Kulturpolitik gehört dabei zu den umstrittenen Politikfeldern, wenn man die Reaktionen auf die Kulturagenda der Kommission durchgeht.
Ich glaube, das täuscht etwas. Zunächst muss man zwischen der ergänzenden europäischen Kulturpolitik innerhalb und außerhalb der EU unterscheiden, das sind die zwei Seiten der Medaille. Alle Mitgliedsländer der EU plus die Kommission haben gemeinsam die UNESCO-Konvention unterzeichnet, was bereits eine Revolution ist, und mehr noch, sie haben auch gemeinsam verhandelt. Ohne gemeinsames europäisches Interesse an Kulturpolitik wäre es nicht zur Gründung von EUNIC, dem Netzwerk der europäischen Kulturinstitute, gekommen. Die von Ihnen angesprochene Kulturagenda sieht unter anderem vor, dass die Kulturverträglichkeitsklausel in Zukunft überall zum Einsatz kommen soll. Ich war im Anfang auch skeptisch, stelle aber jetzt fest, dass der Handelskommissar, den Kultur an sich wahrscheinlich wenig interessiert, diese Bestimmung in alle neuen Verträge hineinschreibt, die er mit Ländern außerhalb der EU abschließt. Auch bei der turnusmäßig anstehenden Erneuerung alter Verträge wird die Klausel aufgenommen. Das ist ein ungeheurer Schritt. Wie das in der Praxis umgesetzt wird, ist eine andere Frage. Das hängt nicht nur von der Kommission, sondern auch von dem Partnerland ab. Vielleicht wollen die Empfängerländer nichts tun, vielleicht haben sie kein Geld – es kann viele Gründe geben.
Und die innereuropäische kulturelle Politik?
Die Außenpolitiker haben auch den innereuropäischen Raum im Blick, die Kommission sowieso. Das Engagement aus der Zivilgesellschaft, den Stiftungen und NGOs sollte nicht unterschätzt werden. Auch im Parlament tut sich etwas zum Besseren, das betrifft nicht nur den Kulturausschuss. Allein hätte der viel zu wenig Einfluss. Die Erkenntnis nimmt zu, dass eine ergänzende europäische Kulturpolitik notwendig ist. Sie mag noch nicht gut genug koordiniert und strukturiert sein, aber es geht voran, auch und obwohl es wie überall auch auf diesem Feld endlose Egoismen gibt.
Langfristig mag Ihr Optimismus berechtigt sein, kurzfristig bleibt eine europäische Kulturpolitik umstritten, insbesondere der von der Kommission dazu vorgeschlagene „strukturierte Dialog“ wird eher abgelehnt.
Es ist sogar davon die Rede gewesen, die Kommission wolle jetzt die europäische Kulturpolitik an sich reißen. Gegen solche Missverständnisse hilft nur Aufklärung. Die Kommission will ja Nationen und Regionen stützen und sich mit Themen befassen, die gesamteuropäisch sind – Beispiel Steuerrecht, Beispiel Nachbarschaftspolitik. Damit sind Aufgaben angesprochen, die keiner der Kritiker wirklich in Angriff nimmt, weil sie über der nationalen Ebene liegen. Die Kommission will jetzt diese Themen aufnehmen und koordinieren und diesen Prozess sogar finanzieren einschließlich einer Evaluation nach zwei Jahren. Was wollen wir eigentlich mehr? Das Beispiel des Bologna-Prozesses zeigt, dass man sich trotz vieler Schwierigkeiten zusammenraufen kann, wenn der Wille dazu da ist. Das Hauptproblem in meinen Augen ist deshalb der Egoismus aller beteiligten Nationalstaaten. Dabei scheint man auch ein bisschen dem antiquierten Glauben anzuhängen, man lebe noch im 19. Jahrhundert, die Grenzen seien dicht und man könne alles noch immer alleine bestimmen. Wir sollten mehr die normative Kraft des Faktischen respektieren und das, was wir schon erreicht haben, verbessern, vertiefen und uns bewusster machen. Europa wird wegen seiner Vielfalt auch in Zukunft nur schwierig zu händeln sein und viele Kompromisse nötig haben. Aber das ist der Preis: Keine Vielfalt ohne Kompromisse.
Die Fragen stellte Wolfgang Hippe.
Dr. Kathinka Dittrich van Weringh ist Vorsitzende des Kuratoriums der Europäischen Kulturstiftung mit Sitz in Amsterdam. 1967 – 1993 war sie beim Goethe-Institut beschäftigt, leitete u.a. das Goethe-Institut in Amsterdam und war Gründungsdirektorin des Goethe-Instituts in Moskau. Von 1994 bis 1998 war sie Kulturdezernentin der Stadt Köln. Sie ist Autorin zahlreicher Artikel über deutsche Außenkulturpolitik, europäische Kulturpolitik, Literatur, Film und Exil in den 30er Jahren.
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