Kultur macht Europa - 4. Kulturpolitischer Bundeskongress
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23.05.2007

Im Gespräch: Kurt Eichler

Die Rolle der Stadt in der europäischen Kulturpolitik beschäftigt den Vierten Kulturpolitischen Bundeskongress gleich dreimal: in Forum 1 („Europa in den Städten“), in Forum 2 („Grenzüberschreitende europäische Kulturarbeit“) und Forum 7 „Kulturhauptstadt Europa“). Kurt Eichler gehört als Vorstand der Kulturpolitischen Gesellschaft zu den Organisatoren des Kongresses.

Der Begriff „kommunale kulturelle Außenpolitik“ ist auf den ersten Blick gewöhnungsbedürftig. Früher sprach man eher von Städtepartnerschaften oder Ähnlichem, wenn es um Außenkontakte ging.

Kurt Eichler: Städtepartnerschaften gibt es natürlich noch immer, aber das internationale Umfeld der Städte hat sich verändert. Wenn eine Stadt heute beispielsweise eine aktive Wirtschaftsförderpolitik betreiben will, muss sie international oder doch zumindest europäisch aufgestellt sein. Mittlerweile haben einige Metropolen, wie sogar in Brüssel, eine eigene Vertretung. Zudem ist die Bevölkerung in den Städten selbst internationaler geworden; nicht umsonst ist die Migrationspolitik vor allem eine kommunale Aufgabe. Damit öffnet sich für die kulturellen und kulturpolitischen Belange notwendigerweise eine mindestens europäische Perspektive. Daher sind die Anforderungen an das Profil kommunaler Kulturpolitik durch die eher partikulare Städtepartnerschaften nur noch bedingt abzudecken.

Zwingt eine solch internationale, europäische Ausrichtung nicht auch dazu, die Stadtregion anstelle der traditionellen Stadt in den Blick zu nehmen und vor allem sie zu „bewerben“ ?

Eine Antwort muss notwendigerweise differenziert ausfallen, weil unterschiedliche Verflechtungen und Interessenslagen zu berücksichtigen sind. Solitäre Städte können „ihr“ Umland intensiver und verbindlicher einbeziehen als Kommunen wie Metropolregionen wie etwa dem Ruhrgebiet könnten. Dort geht es eher um die Entwicklung gemeinsamer Perspektiven und den Ausgleich partikularer Interessen. Im übrigen schlägt sich die Europäisierung und respektive Internationalisierung nach meinem Eindruck in den einzelnen Städten viel stärker nieder als etwa in regionalen Zweckverbänden, deren Zuständigkeiten eine solche Ausrichtung in der Regel nicht vorsehen.

Wenn sich die Stadt in diesem Maße internationalisiert und/oder globalisiert hat, was heißt das für ihre Kulturangebote ?

Zunächst: Die Interessen des Kulturpublikums sind vielfältiger, eigenständiger und damit individueller geworden. Die kulturellen Bedürfnisse sind nicht mehr ohne weiteres zu kanonisieren. Die Bereitschaft, Neues zu entdecken, hat zugenommen. Und die nationalen Grenzen sind zumindest in Europa durchlässiger geworden, was das Reisen und den Zugang zu Informationen betrifft. Das befördert nicht nur den internationalen Kulturtourismus, sondern auch das Wissen um die Kulturszenen in den europäischen Metropolen. Der Umgang mit dieser Vielfalt gehört heute zum Allgemeingut unter Kulturinteressierten; Folklore spielt dabei übrigens nur noch am Rande eine Rolle.

Und die Optionen der Kulturpolitik, um auf diesen Wandel zu reagieren ?

Eine nationale Skalierung reicht für größere Städte nicht mehr. Eine Stadt, die ihre Kultur als Markenartikel positionieren möchte und sich auch kulturtouristisch verkaufen will, muss sich mit europäischen Regionen messen. Für Großstädte ist die europäische Dimension heute sogar unabdingbar. Das unterstreicht die Notwendigkeit, Kulturangebote in ihrer inhaltlichen Gestaltung europäisch auszurichten. Allein die Zahl der Festivals beispielsweise, die die Bezeichnung „international“ oder „europäisch“ im Titel führen, hat beträchtlich zugenommen. Die Städte erarbeiten sich auch über die Kultur so etwas wie eine europäische Skyline.

Das passt nicht so recht in die politische Mainstream-Debatte über Europa. Da sieht man Europa vor allem in der Krise..

Europa stellt sich aus meiner Sicht auf der kommunalen Ebene quer durch alle europäischen Staaten unkomplizierter dar als vielleicht im Rahmen der Kommission oder des Europäischen Parlaments. Das mag damit zusammenhängen, dass die Kulturpolitik schon auf eine gemeinsame Praxis, auf gemeinsame Ideen und Strukturen zurückgreifen kann. Einen Kulturaustausch gibt es ja auf vielen Ebenen schon lange – in der freien wie in der institutionellen Kulturarbeit. Das schließt auch die künstlerische Produktion ein. Allein ein Blick auf die Ballett- und Tanzensembles oder die Orchester zeigt: sie sind alle international zusammengesetzt...

.... bis hin zur koreanischen Streicherin oder dem brasilianischen Tänzer...

... ebenso wie das Ausstellungsgeschäft. Welches namhafte Museum kommt heute noch ohne die Präsentation ausländischer Künstler aus ? Diese Internationalität in der Kultur ist ein kleines aber positives Symbol für die Weltgesellschaft. Auf dieser Basis muss sich die Kulturpolitik auch in den Gemeinden definieren.

Im offiziellen europa-politischen Diskurs wird dagegen immer wieder der Stellenwert des Kulturellen Erbes vor Ort betont.

Das kulturelle Erbe spiegelt in der Regel die nationalen Traditionen wider, ist Ausdruck der nationalen Identität des jeweiligen Landes Im europäischen Kontext  dient es zur Betonung der Eigenständigkeit grade kleinerer Länder, was sicher legitim ist. Für Städte mit ausgeprägtem Kulturtourismus spielt es natürlich eine wesentliche Rolle, weil es hohe Symbolkraft besitzt. Aber für die kulturelle Praxis in den Kommungen steht nach meiner Erfahrung die „Zeitgenossenschaft“ der Kunst, des Tanzes, der Musik, des Theaters, im Vordergrund. Insofern hat das kulturelle Erbe in der Kulturpolitik der EU immer noch einen hohen Stellenwert; jedoch sind die Zugänge, auch die Förderzugänge, teilweise so spezifisch, dass man nicht von einer breiten Basis sprechen kann.

Kooperieren die europäischen Städte in der Kulturarbeit auch jenseits der gemeinsamen Projektarbeit ?

Es gibt eine ganze Reihe europäischer Städteverbünde, im Kulturbereich sind les rencontres und eurocities die wichtigsten. Wobei rencontres ein Personenverband vor allem von Kulturpolitikern ist. Dagegen haben sich bei eurocities eine Reihe von Städten zusammengeschlossen. Hier gibt es einen eigenen Kulturausschuss, der eigene Projekte entwickelt - etwa Eurocult 21. Es läuft mit Unterstützung der EU schon seit längerem. eurocities gibt auch Statements zu Förderprogrammen und Gesetzesvorhaben der EU ab. Es gibt außerdem auch den Rat der Gemeinden Europas.

Die Städte scheinen so etwas wie die Basis des europäischen Einigungsprozesses geworden zu sein. Können sie noch mehr zum eigentlichen  Motor für ein zusammenwachsendes Europa von unten werden ?

Ich glaube, in der Vergangenheit wurde die EU zu stark top down definiert. Mittlerweile ist das Bewusstsein gewachsen, dass man die EU auch von unten aufbauen muss, das Scheitern des Verfassungsentwurfs spielt hier sicher eine große Rolle. Die Städte spielen bei solchen Überlegungen natürlich eine Rolle. Bei Beratungen werden sie stärker konsultiert, ob in Gestalt der kommunalen Spitzenverbände oder europaweiter Organisationen wie eurocities oder les rencontres. Das schlägt wiederum auf die nationale Ebene zurück, die kommunale Ebene ist jetzt auch in Deutschland stärker im Blick, wenn es um Europa geht.

Zugleich erhält in Europa die Kulturpolitik mehr Aufmerksamkeit. Eben hat die EU-Kommission eine „europäische Kulturagenda“ vorgelegt. Nach dem Lissabon-Prozess und der Bologna-Erklärung ein weiteres Dokument, das eine stärkere europäische Orientierung in dem Dreieck Bildung – Kultur – Kultur/Kreativwirtschaft vorschlägt. Auch ein Punkt für die kommunale Kulturpolitik ?

Hier gibt es speziell in Deutschland ein Problem. Unserer kulturpolitischen Debatte ist zwar ein weiter Kulturbegriff unterlegt, aber die kulturpolitischen Handlungsfelder sind im Vergleich etwa zu Großbritannien oder den skandinavischen Ländern doch relativ eingeschränkt. Die Kultur-/Kreativwirtschaft wird hierzulande im Rahmen der Kulturpolitik oftmals ausgeblendet, in anderen Ländern gehört sie dazu. Perspektivisch wird das der kulturpolitische Diskurs auf europäischer Ebene aus meiner Sicht ändern. Im Zuge des Lissabon-Prozesses wird der Kultur-/Kreativwirtschaft auch in der Kulturpolitik schon mehr Aufmerksamkeit geschenkt. In Sachen Bologna setze ich ganz pragmatisch auf Langzeitwirkungen. Die Studiengänge in cultural management oder cultural policy management sind in vielen europäischen Ländern fast zeitgleich entwickelt worden. Bologna befördert die Entwicklung. Menschen mit dieser Ausbildung werden absehbar Kulturpolitik in Europa betreiben und damit auf ein ähnliches Wissen zurückgreifen können.

 

Die Fragen stellte Wolfgang Hippe.

Kurt Eichler ist Geschäftsführer der Kulturbetriebe Dortmund und Leiter des Kulturbüros der Stadt Dortmund. Er sitzt dem Kuratoriums des Fonds Soziokultur und gehört seit 1986 zum Vorstand der Kulturpolitischen Gesellschaft.

 

 


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