Forum 7
Kulturhauptstadt Europas – mehr als ein Event
Suvi Innilä, Europäische Kulturhauptstadt 2011, Turku/Finnland; Bert van Meggelen, Maatwerk, Rotterdam; Spyros Mercouris, Melina Mercouri Stiftung, Athen; Jörg Stüdemann, Dezernent für Kultur, Sport und Freizeit der Stadt Dortmund. Moderation: Stephan Detjen, DeutschlandRadio Kultur, Berlin
Das seit 1985 praktizierte europäische Projekt der Kulturhauptstädte Europas ist ein Erfolgsmodell. Weltweit werden Glamour und Prestige mit ihm verbunden; es wird in Russland und in den USA kopiert. Doch ist es von kritischen Kulturakteuren und Publizisten seit den ausgehenden 1990er Jahren auch mit zunehmenden, massiven Vorbehalten begleitet worden. Stichworte dafür sind: überteuerte Eventkultur ohne nachhaltige Wirkungen, Missbrauch für politische und Prestigeambitionen, Camouflage für Kürzungen im Kulturbereich, Reduktion von Kultur als Zubringervehikel für Tourismus und Marketing.
Vorboten einer ganz anderen Entwicklung kündigten sich 1990 in Glasgow an. Zum ersten Mal gelang es einer Kulturhauptstadt, sich im Prozess der Erarbeitung und Realisierung ihrer Konzepte völlig neu zu erfinden und nicht nur äußerlich ihr Image zu erhöhen, sondern die Lebensqualität der Einwohner so zu verbessern, dass sie das neue Image nachhaltig rechtfertigt. Diese Erfahrung war ein starker Impuls für die britischen Entwicklungen. Acht Städte bewarben sich um den Titel »Kulturhauptstadt 2008«, der von Liverpool gewonnen wurde, das schon vor dem Kulturhauptstadtjahr auf neue Qualitäten kulturgeprägter Stadtentwicklung sowie Nachhaltigkeit verweisen kann, und die britischen Mitbewerber arbeiten weiterhin in einem Netzwerk zusammen.
Hauptsächlich aus einer Situation der kommunalen Depression heraus und mit dem Motiv, Prestige zu gewinnen, und nennenswerte Touristenströme zu sich zu lenken, haben sich, 2002 beginnend, 18 deutsche Städte um den Titel Kulturhauptstadt Europa 2010 beworben. Parallel dazu sind in Ungarn elf Städte in ihrem nationalen Wettbewerb zum Titelgewinn aufeinandergetroffen. Die deutschen und ungarischen Bewerber sind bereits während der Erarbeitung ihrer Bewerbungskonzepte im Jahr 2004 aus ihren nationalen Bezugssystemen heraus und unter Einbeziehung von Experten aus acht europäischen Ländern in einen internationalen Diskussionsprozess eingetreten. Es manifestierte sich ein gemeinsames neues Verständnis von Kulturhauptstädten Europas: Nachhaltige kulturgeprägte Stadtentwicklung und die Nutzung kultureller Instrumente als Motor und Ressource gesellschaftlicher Entwicklungen rückten ins Zentrum.
Die breite Akzeptanz und die Nachhaltigkeit der Kulturhauptstadtbewegung nehmen gegenwärtig zu. Die mehr als zwanzig am deutschen und ungarischen Wettbewerb beteiligten Kulturstädte wollen gemeinsam mit Istanbul in einem internationalen Netzwerk ihre Kooperation fortsetzen. In Finnland haben elf Städte miteinander um den Titel gerungen, die ihr weiteres Engagement ebenfalls gemeinsam abstimmen wollen. In Spanien, das für 2016 vorschlagsberechtigt ist, greifen bereits sieben Städte nach dem Titel, und es wird damit gerechnet, dass sich ihre Anzahl noch wesentlich erhöhen wird.
Mehrere Indizien deuten darauf hin, dass sich das Kulturhauptstadtjahr 2010 zu einem Quantensprung für die europäische Kultur und Kulturpolitik entwickeln und damit für den europäischen Integrationsprozess entwickeln kann: »Ruhr 2010« und auch Pécs verfolgen konsequent Konzepte nachhaltig kulturgeprägter Stadtentwicklung. Istanbul, wenn es das möchte, wird von beiden Titelträgern sowie vom Netzwerk der ungarischen und deutschen Kulturstädte alle Unterstützung erhalten, um sich diesem dynamischen Prozess binnen kürzester Zeit anzuschließen. Damit nehmen die europäischen Kulturhauptstädte 2010 gleichzeitig eine der schwierigsten globalen Aufgaben kultureller Verständigung in unmittelbarer Verantwortung an.
Mit der Kraft von 52 Städten, 5 Millionen Einwohnern, einer Vielzahl von Kulturakteuren und -institutionen der Region sowie der Kompetenz zahlreicher internationaler Partner arbeitet »Ruhr 2010« an Schwerpunktthemen von europäischer Relevanz – produktive Bewältigung des Austritts aus dem Industriezeitalter, Migration und Interkulturalität, Demokratieentwicklung, Behebung von Umweltsünden, kulturelle Bildung, Entwicklung der Kulturwirtschaft und Schaffung neuer Arbeitsplätze.
Mehr als zwanzig ungarische und deutsche Städte sind bereit, in einem Netzwerk gleichzeitig am Erfolg der Kulturhauptstädte 2010 mitzuarbeiten und in ihrer internationalen kulturellen Kooperation für sich selbst europäische Arbeitsweisen zu entwickeln, die zur unmittelbaren Erhöhung der Lebensqualität in den Städten führen soll.
Es hat in der Vergangenheit kein vergleichbar dichtes und praktisch erfolgsorientiertes Netz europäischer Kooperationsbeziehungen an der Schnittstelle von Zivilgesellschaften und politischen Institutionen gegeben. Den hier vorhandenen Chancen für einen durchschlagenden Erfolg stehen jedoch Widerstände und Hemmnisse gegenüber. Sie liegen vor allem in der Blindheit übergeordneter politischer Ebenen und anderer politischer Ressorts für das Ausmaß der mittels Kultur möglichen Entwicklungssprünge, in der mangelnden überregionalen und europäischen Öffentlichkeit für diese konkreten Potentiale der Kultur und – bei aller Unterstützung durch viele wichtige Repräsentanten – im institutionellen Unvermögen der Europäischen Union, diese positiven Entwicklungstendenzen schnell, flexibel, unbürokratisch und verlässlich zu befördern.
Was ist zu tun, um die Chancen Wirklichkeit und die Widerstände geringer werden zu lassen?
Edda Rydzy
