Forum 3
Europäische Erinnerungskultur?
Basil Kerski, Deutsch-Polnische Gesellschaft, Berlin; Volkhard Knigge, Gedenkstätte Buchenwald, Weimar; Erik Meyer, Justus-Liebig-Universität Gießen. Moderation: Franziska Augstein, Journalistin, München
So selbstverständlich die Forderung nach einer gemeinsamen europäischen Erinnerungskultur zu sein scheint, mittels derer die innere Einheit der europäischen Union gefestigt werden soll, so diskussionswürdig ist sie; erst recht dann, wenn jenseits normativer Setzungen und kulturwissenschaftlicher Konzeptualisierungen die tatsächlich vorhandenen Formen historischen Erinnerns in den Ländern der EU in Betracht genommen werden. Diese unterscheiden sich – entsprechend unterschiedlicher historischer Erfahrungen und deren Deutung – sowohl hinsichtlich ihrer Inhalte als auch hinsichtlich politischer, kultureller oder institutionellen Voraussetzungen und Kontexte.
Erinnerung in Westeuropa ist beispielsweise stark von der Erfahrung des Zweiten Weltkrieges, nationalsozialistischer Herrschaft und Besatzung, Widerstand und Holocaust geprägt. In Ostmitteleuropa ist historische Erfahrung darüber hinaus nachhaltig von sowjetischer Okkupation und kommunistischer Diktatur gezeichnet.
Mit Erinnerung kann sowohl die gegenwartswirksame historisch-selbstkritische Auseinandersetzung mit den – in demokratisch-menschenrechtlicher Sicht – negativen, unakzeptablen Kapiteln eigener Vergangenheit gemeint sein, wie die selektive, affirmative Funktionalisierung von Vergangenheit für Gegenwartszwecke. Heroisierende Formen des Erinnerns stehen neben opferzentristischen; Formen von Geschichtsvergewisserung in verfassungspatriotischer Perspektive neben solchen zur Ausprägung ethnischer oder nationaler Identitäten. Die Kriege im ehemaligen Jugoslawien haben zudem besonders deutlich gezeigt, daß historisches Erinnern auch heute noch weniger der Überwindung von Feindschaft als vielmehr ihrer Begründung und Verstetigung dienen kann. Erinnern in Europa – das ist Verständigungsgeschichte wie Konfliktgeschichte. Zudem verläuft die Grenze zwischen Erinnerung und Geschichtspolitik – einer Geschichtspolitik, die sich der kritischen Funktion von Historie mehr oder minder entledigt – fließend. Die Frage öffentlicher historischer Erinnerung ist deshalb ebenso wenig von der Frage nach ihrer sachlich-historiographischen Legitimation wie von der Frage der Legitimität ihrer Ziele und der Legitimation ihrer Konstrukteure zu trennen.
Kurzum: die Diskussion um Sinn und Zweck gesamteuropäischer Erinnerungskultur wird dem Problem der Heterogenität kollektiven Erinnerns in Europa ebensowenig ausweichen können wie der damit verknüpften Frage, wie Gedächtnisse anerkannt und zugleich vermittelt und transzendiert werden können, damit es nicht zur Abschottung von Erinnerungsmilieus oder gar zum »Clash of Memories« kommt. Dabei ist außerdem zu berücksichtigen, daß EU und europäischer Erinnerungsraum nicht deckungsgleich sind, weder geographisch noch wirkungs- und erfahrungsgeschichtlich. Europäische Gewaltgeschichte – etwa Erster und Zweiter Weltkrieg, Nationalsozialismus und Kommunismus – hat über EU-Europa hinaus gewirkt und Spuren hinterlassen. Europäische Kolonialgeschichte ist europäisch und außereuropäisch zugleich und läßt sich deshalb weder allein innereuropäisch erinnern noch aus europäischer Erinnerung ausschließen. Infolge von Migration finden sich außereuropäische Gedächtnisse in Europa. Andererseits werden europäische Ereignisse globalisiert. So ist der Holocaust zu einer – vieldeutigen – globalen Chiffre geworden, die ihrerseits in Europa häufig nach amerikanischem Vorbild formatiert wird (Museumsarchitektur, Denkmalgestaltung, Holocaust-Education, mediale Repräsentation). Daraus ergibt sich die Frage, wie europäisch die europäische Erinnerung eigentlich ist, bzw. wie europäisch sie im Zeitalter der Globalisierung überhaupt sein kann und darf?
Das Forum soll Fragen wie den hier exemplarisch angesprochenen nachgehen und anhand der historischen Entwicklung von Erinnerungskulturen und -milieus in Europa, anhand ihrer gegenwärtigen Ausprägungen und (politischen) Institutionalisierungen, anhand der ihnen zugrunde liegenden historischen Erfahrungen, Legitimationsdiskurse und Interessen diskutieren, ob europäische Erinnerungskultur tatsächlich wünschbar und möglich ist und welche Alternativen – etwa in Gestalt der Ausbildung europäischen Geschichtsbewußtseins – beständen.
Volkhard Knigge
